...Teil 2:
Samstag:
Seven Miles Of Green aus Mittelfranken liefern professionellen Sound, geniales Posing und feinsten Death Metal. Ihr Set erweist sich als ein echter Wachschüttler für den zweiten Wanstock-Tag, die ultimative Über-Dröhnung zum Ohren antackern. Sebastian "Thaly" Thalhammer (Gesang), Peck (Schlagzeug), Hase (Gitarre), Sepp (Gitarre) und Iron (Bass) haben Manos auf dem Winterbreath-Festival kennen und schätzen gelernt. Ihr Melodic Death Metal ist somit ein leckerer Geburtstagskuchen, auf klanglichem Wege kalorienarm verabreicht...
Die alten Underground-Hasen von Disaster KFW (letztere drei Buchstaben stehen für Klassischer Friedhof Weimar) knüppeln sich schon fast genau so lange wie ihre Gastgeber Manos durch deutsche Clubs. Death Metal mit einer dicken Mütze Black Metal gestaltet sich erstaunlich rhythmisch und stellenweise gar melodisch, ständig heavy und technisch geschickt ausbaldowert... Sören (growls), Skeletton (drums), Sepsis (guitar), Chris (guitar) und Enzephalon (bass) sammeln mit jedem Song neue Punkte.
Fuck Sauerkraut, Collateral Damage, Clash Of The Titans und Doppelkorn fegen ohne jedes Mitleid über die zahlenmäßig heftig anwachsenden Geburtstags-Gäste hinweg. Band und Publikum werden quasi "luftdruckgereinigt", allein durch Sound-Energie...
Was dann im Programm als "Spiel und Spaß" angekündigt wurde, entpuppt sich als eine Art Mini-Playback-Show OHNE Playback!!! Franz (9 Jahre) Gitarre steht bereits das zweite Mal auf einer richtigen Bühne , Dorian (8 Jahre) Schlagzeug und Jan (8 Jahre) Bass haben heute ihre erste richtige Live-Erfahrung! FDJ (so der Name der vielleicht jüngsten Metal-Combo Ost-Deutschlands) setzt sich aus den Initialen dieser bühnentauglichen Kiddies zusammen. Die stolzen Nachwuchsmusiker schleppen wacker an ihren schweren Originalinstrumenten, wirken aber so selbstsicher, als würden sie 24 Stunden lang nichts anderes tun. Während die Menschenmenge vor der Bühne begeistert anfeuert, hilft Manos-Andrew, der die Wanstock-Mini-Stars als Freischaffender Musikschullehrer aufgebaut hat, beim einstöpseln der E-Gitarre. Die stolzen Blicke der anwesenden Familienmitglieder lassen sich kaum beschreiben, als die ersten AC/DC-Sounds von Highway To Hell die Luft zum vibrieren bringen. Franz singt und klampft wie ein Alter, während Tieftöner Jan schüchtern das Publikum fixiert und Dorian voll auf seine Drumsticks fixiert die Felle traktiert. Ein sauber intoniertes TNT von AC/DC und Drehrumbum (aus dem Manos-Repertoire) teilen die gerührten Zuschauer in bewundernd grinsende und aufgeputscht anfeuernde Parteien auf. Die Leute sind dermaßen aus dem Häuschen von so viel jugendlichem Charisma, dass das Set ein zweites Mal dargeboten werden muss. Angespornt von diesem gigantischen Feedback entwickelt sich eine kaum zu beschreibende zwischenmenschliche Chemie, manchem gestandenen Alt-Rocker steht das Wasser in den Augen! Solch eine Sensation hat keiner erwartet. Etliche Foto- und Film-Kameras werden gezückt, um die unvergessliche FDJ-Premiere zu dokumentieren. Manos selber zeigen sich so gerührt wie der heftig durchgeknetete Teig eines Geburtstagskuchens! Strahlend vor Freude gehen die Bengels von der Bühne ab. Ihr Glückshormonstau wird die Drei bis zum Beginn des Manos-Konzertes hell wach halten. Franz, Dorian und Jan wird man sich merken müssen! Rock'n'Roll-infiziert für alle Zeiten...
Asiflash entfallen ersatzlos. Die Band, die nun auf die drei umjubelten FDJler folgen muss, hat's wohl nicht leicht, so viel jugendliche Spielfreude zu übertrumpfen....
Soul Demise gehören mit einem Band-Alter von 15 Jahren schon zu den Halbstarken und musikalisch unheilbar vom Rock-Virus befallenen... Die Metaller erweisen sich als völlig angstfrei und stürzen sich vom ersten Song an hypermotiviert ins Live-Gewühl. Death-, Trash-, und Heavy Metal mit filmreifem Stage-Acting machen den Wanstock-Pilgern Beine. Das 2005er Album Blind und Acts Of Hate (2009) sind nur zwei von etlichen guten Veröffentlichungen, deren Material dem dicht angetretenen Publikum um die Ohren geschleudert wird. Soul Demise-Frontmann Roman spielt den Maniac nur auf der Bühne...dort aber mit Bravour! Still Alive, The Tempest, Evidence Of Spoken Words, Six Billion schlagen imaginäre Krater ins Wanstock-Gelände.
The Headless Horsemen, die seit 2004 bestehende Rockabilly-Formation vom ehemaligen Tin Pan Alley- und Viu Drakh-Düster-Metaller Fisch (Gesang, Gitarre), Sicki (Stand-Up Bass & Backvocals) und Bax (Schlagzeug/Perkussion) servieren coole Abtanzmucke! Dark Highway, Quit The Game, Midnight In Ghosttown oder Bonebreak Boogie (benannt wie das frisch gepresste Party-Album) machen Appetit auf tänzerische Ausgelassenheit.
Bax nutzt die Pause zwischen zwei Songs, um seine Haare neu zu legen, Style ist wichtig, Image ist alles! Nach einem zündenden Set aus älteren und aktuellen eigenen Nummern überrascht die selbst ernannte Hard Rockin' Psycho Boogie-Truppe mit einem rasanten Ace Of Spades-Cover von Motörhead. Der Contrabass rockt so gewaltig, dass es den überrumpelten Fröschen im Wanstock-Teich vor Begeisterung die Badehosen flambiert!
Für My Insanity (aus Eisleben) ist Gothic Metal mit Elektronik-Einflüssen seit 1996 Programm. Man mischt gerne mal verschiedene Musikstile zu einem berauschenden Cocktail, was beim musikgeschmacklich und alterstechnisch bunt durchmischten Publikum dieses Festivals toll ankommt. Gründungsmitglied Christian Faust agiert als Sänger und Komponist sehr kreativ, gutes Bühnenlicht und dichte Nebelschwaden sorgen für die passende Atmosphäre. My World, Smother, Mirrors, Ordinary Madness, III Monkeys, Tiefenrausch sind Musikgenuß pur. Hochkarätige Bands ohne Ticketkosten, Manos, wir danken Euch!
Die Berliner Postmortem gehören seit jeher (d.h. seit 1991) zur unverfälschten Underground-Szene. Auf ihrer Flagge steht abwechslungsreicher Death/Trash mit satten Groove-Elementen und echtem Wieder-Erkennungswert. Nach etlichen Jahren ohne offizielles Album (wie z.B. The Age Of Massmurder 1997 oder Storm Force im Jahr 2000) erscheint 2008 Constant Hate, welches extrem positive Reviews in der Fachpresse erhält.
Putz (Gesang), Marcus (Gitarre), Tilo (Bass) und Neuzugang Max (Schlagzeug) ziehen mit
Bleeding, Way Of The Knife, Der Totmacher, Lobotomy oder Revolution alle Anwesenden zielsicher auf ihre Seite. Heut bleibt kein Haupthaar ungeschüttelt. Holla die Waldfee,- Postmortem sind noch immer ein echter Straßenfeger!
Die Spannung steigt ins Unermessliche, als dann endlich um 1.10 Uhr morgens ein Teil der 1984er Urbesetzung von Manos (damals noch unter dem Namen Loewenherz...) die Szenerie betritt. Mike Andrae ("Andrew") an der Gitarre, "Schwager" Thomas Peschke am Bass (früher bei Löwenherz Gitarre) und Ingo Zach (der heute Sänger an der Oper in Leipzig ist!) am Schlagzeug. Wie damals werden Coversongs a la Breaking The Law von Judas Priest routiniert interpretiert. Andrew setzt (wie schon seit 25 Jahren) modische Untergrund-Akzente, anfangs nicht in Arbeitsjacke und Jogginghose, sondern in Blue Jeans und Kaputzenshirt. Im Publikum gehören alte und neue Manos-Shirts zur freiwilligen Uniformierung. Auf und vor der Bühne verfällt man nun ohne jede Warnung in flächendeckende Nostalgie. Die Zeitmaschine funktioniert wie eh und je, man beamt sich in die Jahre vor Jugendradio DT 64 zurück, bei denen erst 1987 Demoaufnahmen von Löwenherz den Lauf der Musikgeschichte ändern... Im Herbst 1988 wird die Umbenennung in Manos (nach einem amerikanischen Comic, dem Dämonenjäger) fällig. Über die zu Ostzeiten noch üblichen Probleme mit der offiziell notwendigen "Einstufung" kann man heute nur lachen.
Doch zurück in die Jetzt-Zeit: Gegen 1.30 Uhr wird von Fans eine riesige vier Etagen hohe Klopapier-Torte (mit Schnapsfläschchen und Gummibärchen verziert) auf die Bühne geschleppt. Jubel, Drückerchen, alle haben sich ganz doll lieb! Inzwischen hat Ingo Zach viele lockere Stockschwünge später die Drumsticks an den 1989 zu Manos gestoßenen "Schnorchler" übergeben, der mit bürgerlichem Namen Carsten Rothweiler heißt und die Bretter, aufgestylt mit einem schwarzem Lederhut, entert. Thomas Peschke ist in Ehren von seinen Live-Aufgaben am Tieftöner entlassen wurden. Mario Löbelt ("Eule") und sein geschundener, mit unzähligen Luftballons und anderem Deko-Material verzierter Bass erscheinen auf der Bildfläche. Nach einer Weile entschweben die bunten Gummidinger ins Publikum. Jetzt kommen Manos-Songs der Wende-Zeit ins Spiel, denn aus der ehemaligen Cover-Schulcombo ist während der Zeitreise unbemerkt eine Formation mit eigenem Kreativanspruch geworden. Stagediving, Livespaß und noch mehr Kuchen- und Geschenks-Überreichungen folgen. Der jämmerliche Gesundheitszustand von Eules "Dachbodenfund-Bass“ und Andrews Prügel-Klampfe rühren zu Tränen. Diese Trauer um Instrumentenmisshandlung machen Mario's sexy Kittelschürze und seine ungezwungene erotische Ausstrahlung sofort wieder vergessen... Durch eine bemitleidenswert hohe Dioptrienzahl ohnehin schon gestraft genug, erfreut sich Eule seines Augenlichts auch heute mit einem freiwillig durch Packetband-verklebten Brillen-Auge. Musik muss man nicht sehen, sondern fühlen! Der cool groovende "Schnorchler" wird liebevoll verabschiedet. Die Manos-Besetzung der "Neuzeit" (ab 1996) ist nun um 1.50 Uhr mit Mike Andrae (Gesang, Gitarre, Arbeitsjacke ), Mario Löbelt ("Eule") mit Bass, Plüscheule und Zubehör und dem neu hinzugekommenen Marc Brandtner ("Ratze") am Schlagzeug, komplett angetreten. Ratze erledigt seinen Job klammheimlich hinterm Schlagzeug versteckt aus dem Hintergrund heraus, ist aber durch sein herrliches Geknüppel nicht zu überhören. Genocide (vom gleichnamigen Album), We Mosh, Komm in den Garten, Käse Im HO, Voice Of Satan, Biene M., Hackebumm, Drehrumbum, Vogelhochzeit, Ulehule, Uschi-Song... Ulk-Songs und tiefsinnige Ernsthaftigkeits-Nummern wechseln wie Ebbe und Flut. Da kommt die selbst gebaute Holzrutsche gerade richtig, wenn man sich ca. fünf Meter tief von doppelter Bühnenhöhe ins weich gepolsterte Publikum katapultieren kann. Neue und alte Bandmitglieder, sowie Fans und Kumpelbands besaufen sich bis 4.00 Uhr morgens gewaltig mit Glückshormonen!
Fazit dieser Megafete: Am ersten Tag erscheinen ca. 2000 Fans um zu gratulieren und ein dickes Metal-Stück vom Partykuchen abzukriegen, am zweiten Tag sind es sogar 3500! Man muss schon Manos heißen oder völlig verrückt sein, um in so kurzer Vorbereitungszeit, nur unterstützt durch Freunde und Musiker einen solchen Event kostenlos aus dem Boden zu stampfen! Andere Festivals brauchen dafür ein ganzes Organisationsteam und fast ein Jahr intensive Vorbereitung..., die oft hohen Ticketpreise nicht zu vergessen.
Dass Manos und ein kleines Team von freiwilligen Helfern dann Sonntagmorgen mit den Aufräumarbeiten auf dem Gelände beginnen, kriegt der Großteil der Leute gar nicht mehr mit, da die meisten Fans schon wieder unterwegs nach Hause sind. Im Wanstock-Camp rascheln die Müllsäcke das Eulen-Lied... Respekt vor so viel Eigeninitiative, positivem Lebensgefühl und Teamgeist. Metallischen Dank an Manos und alle Beteiligten für ihr übermenschliches Engagement vor und nach und während dieser unvergesslichen zwei Tage! Über diese Party wird man noch in 25 Jahren reden, vorausgesetzt man hat Zeit dazu und ist nicht gerade mit der unumgänglichen 50 Jahre Manos-Party beschäftigt... See you all in the year 2034 at Wansleben Am See!
Andrea Göbel, German Rock